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Demotivation

Nachdem Semesterferien sind muss ich zwei Arbeiten für die Uni schreiben. Eigentlich nichts neues, aber ich befinde mich gerade in einem längeren Motivationstief. Das hält schon etwas länger an und ich weiss nicht so genau wie ich daraus komme. Die Arbeiten werde ich fertig stellen, aber es nimmt mir so viel Kraft. Ich brauche so viel Kraft um mich überhaupt zu überwinden irgendwas zu schreiben.
Das liegt nicht am Thema, das liegt nicht am Wetter, das liegt am Allgemeinen. Diese Arbeit wird, wie praktisch alle bisher geschriebenen, nur der Professor oder eine Assistentin lesen. Danach versauert sie in irgendeinem Schrank, bis sie weggeworfen wird. Niemand anderes hat dazu Zugang. Das ganze dient dazu, dass ich Noten bekomme und der Professor sieht, dass ich mich an die Formalien halte, recherchieren, schreiben und damit meine Argumente richtig ausführen kann. Alles verständlich.
Nebenbei denke ich immer mal wieder an Vorträge, die man halten muss, aber keinen Studenten interessieren. Ich gebe mir immer sehr viel Mühe, dass die Folien nach etwas aussehen und Bilder vorhanden sind. Und dann steht man vor einer Gruppe, die aus dem Fenster sieht oder sich wie Puppen in einer Stuhlreihe verhalten. Niemand antwortet, auch nach längerem warten nicht. Da habe ich das Gefühl zu trainieren wie früher. Als ich noch keine grosses Training hatte, übte ich vor Stofftieren und Puppen. Die haben mir genauso zugehört wie die Studenten in meinen Seminaren heute.
Einmal hatte ich ein zweisprachiges Seminar, in dem der Professor eine Frage stellte und der Vortragende die Frage auf der anderen Sprache nicht verstand.
In der Bibliothek habe ich das Gefühl, dass man dort lernt um zu zeigen, dass man lernt. Es ist wichtiger länger zu bleiben als andere. Da fängt der Konkurrenzgedanken schon an.

All dies zieht meine Motivation herunter. Leider kann ich auch darüber mit niemand reden, denn Kontakte zu Mitstudenten konnte ich nicht aufbauen. Ich kenne niemand wirklich aus den zwei Seminaren, in denen ich diese Arbeiten schreiben muss.

So würde ich mir wünschen, dass meine Fähigkeiten wahrgenommen und mein Wissen oder meine Intelligenz nicht in frage gestellt wird. Es ist mühsam oft genug alleine eine Stellung zu behalten und die auch noch vor Mitstudenten zu verteidigen. Nach dem Seminar geht jeder seines Weges, sodass nicht nachgefragt werden kann um eine weitere Meinung. Da ist die Einstellung „Ist doch egal, Seminar ist vorbei. Ich mach das eh nur für die Note“.
Ich lerne irgendwas für irgendwelche Prüfungen und vergesse den Grossteil sowieso. Dazu ist das grobes Wissen, das nicht in die Tiefe geht. Allgemeines Wischiwaschi. Grundlagen sind auch wichtig, aber in einem Seminar über Medien und Demokratie will ich nicht wissen was Demokratie ist. Ich will mich nicht zwei Stunden unterhalten über Demokratie und zwei weitere wie diese in anderen Ländern nicht vorhanden ist. Das habe ich in einem anderen Seminar viel spezifischer und tiefgreifender.
Ich weiss, dass Universität theoretisch ist. Darüber spreche ich aber im Moment nicht. Es geht mir im Moment über die Themen.

Mir fehlt auch das Gemeinschaftliche. Jede ist irgendwie Einzeln, bei Freundschaft ist es nur ein Zweck oder ein Ziel. Da sind zwei Punkte, die mich stören: viele Studenten befreunden sich durch eine Zweckbeziehung miteinander. Der Zweck ist, dass man das gleiche studiert, die gleichen Probleme durchmacht. Geht es um Praktikumssuche, Notenvergabe hat man direkt mit der Freundin eine Konkurrenz. Hat sie die bessere Note, hat sie das bessere Praktikum? Hat sie die schönere Wohnung später?
So bin ich nicht. Wenn jemand aus meinem Freundeskreis ein tolles Praktikum bekommt, freue ich mich. Natürlich denke ich ab und an, warum nicht ich. Aber das ist normal. Ich würde nicht so weit gehen, nicht mehr mit ihr befreundet zu sein. Mir ist auch egal was sie macht, Hauptsache ist es gefällt ihr und sie kann die Miete bezahlen. So ist es mir egal, ob wie in der Rüstungsindustrie oder in der Klopapierherstellung.
Aber so funktioniert unsere Gesellschaft nicht. Jeder besinnt sich auf sich selber, mag vorankommen, denkt an sich und wird individualistischer.
So bin ich leider nicht, und ich weiss nicht wie ich es ändern kann. Anpassen muss ich mich wahrscheinlich so oder so.
Die andere Frage ist, wie bekomme ich in so einer Einstellung wieder Motivation weiter zu machen?

Zurück an der Uni

Seit einem Monat, fünf Wochen, bin ich nun wieder zurück aus der Tagesklinik direkt an die Vorlesungen der Universität gegangen.
Die erste Woche war es noch aufregend und neu. Man könnte sogar sagen, dass diese Woche wirklich gut gewesen ist. Ich war offen, entgegenkommend und bereit etwas neues zu machen.
Die zweite Woche war etwas anstrengender, denn die ersten Kontakte der ersten Woche waren schon verflogen. Es wurde nicht mehr begrüsst, es gab kein lächeln. Mit den meisten Leuten aus den jeweiligen Gruppenarbeiten hatte ich auch nichts zu tun. Das hat mich schon sehr deprimiert und langsam fing die Unlust wieder an. Doch die ersten zwei Wochen waren gut bis nicht schlecht.

Alles fing in der dritten Woche an. Die war sehr anstrengend, denn ich traf auf immer mehr Ablehnung seitens meiner Mitstudenten. Es fing mit den Medien-Vorlesungen an. Ich kam mir geschnitten und ausgeschlossen vor.

In der vierten Woche wurde ich mir bewusst warum ich ausgeschlossen werde. Ich hatte mit einer Gruppe von Schweizerinnen ein Referat. Während des Referats mitten in der Pause kam das Gespräch auf Sprache. Sie unterteilten Hochdeutsch, Schweizerhochdeutsch und Bühnendeutsch. Hochdeutsch ist das Deutsch aus Deutschland, das Schweizerhochdeutsch das Hochdeutsch eines Schweizers mit Färbung und Bühnendeutsch ohne Färbung. Auf alle Fälle werde ich nun ausgeschlossen, weil ich erstens Deutsche bin, zweitens Hochdeutsch rede und drittens vom Verhalten zu Deutsch bin.

So befinde ich mich langsam wieder in der Abwärtssprirale. Es macht mich wirklich traurig, dass man nicht normal miteinander umgehen kann. Es macht mich traurig, dass ich wirklich versuche mich zu integrieren ich es in bestimmten Situationen nicht schaffe. Ich verstehe Schweizerdeutsch mit allen Dialekten. Aber anscheinend reicht das nicht, denn ich müsste mich wie ein Schweizer verhalten. Ich weiss nur nicht wie sich ein Schweizer verhält, denn ich habe sehr unterschiedliche Leute getroffen. Aber auf so eine Ablehnung bin ich bisher nicht gestossen.

So kämpfe ich jetzt damit, dass ich mit der Einsamkeit der Universität zurecht komme – alleine Essen, alleine in Vorlesungen, alleine lernen, keine Mitstudenten für Studentenparties – , mit der Ablehnung in Vorlesungen und mit der Rückfallprävention.  Ich will nicht, dass mich jemand an die Hand nimmt. Ich hätte mich um ein besseres Miteinander gefreut: gegenseitiges ansehen bei Beiträgen während des Seminars, gemeinsame Tätigkeiten nach bestimmten Vorlesungen und nicht nur für genau diesen Zeitpunkt, damit man sich später wieder nicht grüsst oder redet.

Gleichzeitig wusste ich worauf ich mich ungefähr einlasse. Aber es macht es mir wirklich sehr schwer mich wieder hineinzufinden und die Motivation der ersten Woche wiederaufleben zu lassen.

Rückblick auf eineinhalb Jahre

Manchmal ist das Leben schon eigenartig und kurvig. Nachdem ich wahnsinnige Anstrengungen am Anfang meines Masters hatte und gleich danach innerhalb von drei Monaten zu zwei Psychologen ging, geht es mir nach der Tagesklinik einfach wirklich gut. Mich wundert es immer noch, dass meine anfänglichen Depressionen nicht erkannt wurden und diese zu einer mittleren und anhaltenden chronischen Depression führten. Es war richtig mühsam alles immer wieder zu erzählen und zu erklären wie ich mich fühle. Ich fühlte mich einsam, meine damaligen Freunde waren weg, hatte mit meiner Familie keinen Kontakt, zudem haben diese mir immer wieder mehr oder weniger grosse Steine in den Weg gelegt, im Studium konnte ich nicht mehr lernen oder zuhören, war vergesslich, keine Motivation für gar nichts und hatte finanzielle Probleme. Und das ist hier nur eine Auswahl meiner Problematiken, mit denen ich zum ersten Psychologischen Dienst der Universität ging. Der Ratschlag war einfach: mehr Sport.
Dabei war ich allerdings nicht mehr fähig Sport zu machen und so zerbrach immer mehr und der Teufelskreis drehte sich immer mehr nach unten.
Bis ich dann nach drei Monaten wieder einen Anlauf nahm. Dort kam der Ratschlag, dass ich in eine Skill-Gruppe gehen und später die Probleme mit meinen Eltern aufarbeiten soll. Die Skill-Gruppe war allerdings voll und ich hätte drei Monate warten müssen.
Währenddessen konnte ich aber gar nicht mehr in irgendwelche Vorlesungen gehen, konnte nicht mehr lernen oder andere Dinge machen.
Eine einzige Person war während der ganzen Zeit hier: mein Freund. Meine einzige Unterstützung. Der Einzige, der immer zu mir gehalten hat. Egal was andere Personen zu ihm sagten. Er blieb einfach an meiner Seite, egal wie ich war. Während meiner Krankheit hatte er oft genug Gründe mich zu verlassen. Er hat es nicht getan.

Nach drei Monaten, wenn ich zurückdenke, finde ich es von dem psychologischen Dienst unverantwortlich so zu reagieren. Das sind nicht einfach Lernprobleme, sondern wirklich Gründe, bei denen sich bestimmt andere Menschen das Leben genommen hätten.
Wäre ich absolut alleine dagestanden hätte ich es irgendwie versucht. Daran gedacht habe ich öfters. Aber das ist auch ganz normal. Gemacht hätte ich es aus einem einzigen Grund nicht: mein Freund. Der einzige und alleinige Grund. Er war immer an meiner Seite.

In drei Monaten konnte ich über vieles Reden und Nachdenken. So habe ich eine wirkliche Entwicklung hinter mir. Ich bin nicht mehr in Höchstspannung, sondern  kann das Leben geniessen. Es fühlt sich manchmal wie ein anderes und neues Leben an. Ich kann wieder Träumen, kann meine Gefühle spüren und diese ausdrücken. Ich entdecke mich praktisch neu. Entdecke immer mehr Dinge, die ich gerne machen würde und merke, dass das Leben schön bunt sein kann.
Mehr oder weniger bin ich ein anderer Mensch gewesen. Die Krankheit hat eineinhalb Jahre gedauert und ich habe ein Jahr meines Masters vor mir. Meine Vorstellungen gingen absolut ins Gegenteil, aber ich muss damit leben. Ich bin weder positiv noch negativ für meine Zukunft, sondern versuche im Hier und Jetzt zu leben. Zurückblicken ist nicht so schön und macht nur traurig. Wenn ich an die verpassten Dinge denke, kann ich den jetzigen Zeitpunkt nicht mehr geniessen. Dadurch verpasse ich noch mehr Dinge.
So versuche ich Dinge auszuprobieren und zu merken, ob sie mir gefallen oder nicht. Ich will nicht mehr so viel nachdenken, sondern mich einfach spüren.